Ehrenplakette der Stadt Oberursel für Angelika Rieber


Die Stadt Oberursel ehrt Angelika Rieber mit ihrer Ehrenplakette. Bürgermeisterin Antje Runge überreichte die Auszeichnung am Donnerstag, 22. Oktober 2026, im Oberurseler Rathaus. Damit dankt die Stadt einer Frau, die seit mehr als vier Jahrzehnten erforscht und weitergibt, wie Oberurseler Familien jüdischer Herkunft gelebt haben und was ihnen angetan wurde. Für viele Menschen in Oberursel und weit darüber hinaus ist Angelika Rieber zum Gesicht der lokalen Erinnerungsarbeit geworden. Die Plakette wird unter anderem an Menschen verliehen, die sich auf kulturellem Gebiet in hervorragender Weise um die Brunnenstadt verdient gemacht haben.

„Erinnerung braucht Menschen, die nicht wegsehen, die nachfragen und die zuhören. Angelika Rieber ist ein solcher Mensch“, sagt Bürgermeisterin Antje Runge. „Sie hat den Oberurseler Opfern des Nationalsozialismus ihre Namen und ihre Geschichten zurückgegeben. Mit unermüdlicher Geduld hat sie Lebenswege rekonstruiert, Kontakte zu Überlebenden und ihren Nachfahren geknüpft und Begegnungen ermöglicht, die viele junge Menschen tief beeindruckt haben. Erinnerungskultur ist kein abgeschlossenes Kapitel. Sie ist eine Aufgabe, die jede Generation neu annehmen muss, und gerade heute ist sie wichtiger denn je. Angelika Rieber zeigt uns seit Jahrzehnten, wie das gelingt. Dafür sind wir ihr als Stadt von Herzen dankbar.“

Geschichte erfahrbar machen: Begegnungen mit Zeitzeugen

Angelika Rieber wurde in Frankfurt am Main geboren und wuchs in den 1960er-Jahren in Kronberg auf. Die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus begleitete sie schon früh. Sie studierte Geschichte, Politik und Pädagogik in Frankfurt und unterrichtete später als Gymnasiallehrerin an der Ernst-Reuter-Schule I in Frankfurt. Ihr Anspruch war ein lebendiger Geschichtsunterricht. Daraus entstand die Idee, Zeitzeuginnen und Zeitzeugen in die Schulen zu holen.

Ende der 1970er-Jahre rief sie gemeinsam mit jungen Kolleginnen und Kollegen das Projekt „Jüdisches Leben in Frankfurt“ ins Leben. Es knüpft Kontakte zu ehemaligen jüdischen Bürgerinnen und Bürgern sowie deren Nachfahren und hat über die Jahre Tausende Schülerinnen und Schüler erreicht. Seit Gründung des gleichnamigen Vereins im Jahr 2014 ist Angelika Rieber seine Vorsitzende. Bis heute pflegt sie enge Kontakte zu Schulen und vermittelt Begegnungen zwischen den Generationen.

Oberurseler Schicksale vor dem Vergessen bewahren

In Oberursel engagiert sich Angelika Rieber seit dem Jahr 1983 in der Arbeitsgemeinschaft „Nie wieder 1933“, die die Verbrechen der NS-Zeit vor Ort aufarbeitet. Seit 1987 ist sie Mitglied im Verein für Geschichte und Heimatkunde Oberursel (Taunus). Seit Mitte der 1980-er Jahre forscht und veröffentlicht sie zur Geschichte jüdischen Lebens im Hochtaunuskreis.

Ihr Buch „Wir bleiben hier!“ erschien im Jahr 2004. Es zeichnet die Lebenswege Oberurseler Familien jüdischer Herkunft nach und wurde für viele Leserinnen und Leser zur grundlegenden Lektüre. Gemeinsam mit Eberhard Laeuen veröffentlichte sie später den Band „Haltet mich in gutem Gedenken – Erinnerungen an Oberurseler Opfer des Nationalsozialismus“. Der Titel geht auf den Abschiedsbrief zurück, den Bertha Röder an ihre Kinder schrieb, bevor sie 1943 in Auschwitz ermordet wurde. Auch die Geschichte des Jüdischen Friedhofs in Oberursel hat Angelika Rieber erforscht. Ein aktueller Schwerpunkt ihrer Arbeit sind Menschen jüdischer Herkunft, die zum Christentum übergetreten waren oder in sogenannten Mischehen lebten.

Ein Denkmal, das den Opfern Namen gibt

Angelika Rieber gehörte zu den Gründungsmitgliedern der Initiative Opferdenkmal in Oberursel. Aus ihrer Forschung ging das Mahnmal hinter der Hospitalkirche im Hof des Alten Hospitals hervor. Dort sind die Namen der Oberurseler Opfer des Nationalsozialismus ins Glas eingebrannt. Das Mahnmal wurde allein durch Spenden und Sponsoren finanziert. Dass die Liste der Namen weiterwächst, ist nicht zuletzt ihrer beharrlichen Recherche zu verdanken. Außerdem unterstützt sie das Stolperstein-Projekt des Künstlers Gunter Demnig in Oberursel, an dem sich vor allem Schülerinnen und Schüler der Feldbergschule beteiligten.

Mit ihren Stadtführungen „Auf den Spuren jüdischen Lebens“, Führungen auf dem jüdischen Friedhof in Oberursel und weiteren Stadtrundgängen, die sie regelmäßig in Zusammenarbeit mit der Stadt anbietet, macht sie Geschichte im Stadtbild sichtbar. Treffpunkt der Führung auf den Spuren jüdischen Lebens in Oberursel ist der St.-Ursula-Brunnen am Marktplatz, in Sichtweite des Hauses der Familie Feinberg.

Brückenbauerin zwischen Religionen und Generationen

Seit dem Jahr 2001 gehört Angelika Rieber dem Vorstand der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit (GCJZ) Hochtaunus an, von 2016 bis 2024 war sie ihre Vorsitzende, gestaltete Gedenkveranstaltungen zum 27. Januar und zum 9. November und organisierte Vorträge, Zeitzeugengespräche und Ausstellungen. Sie pflegte außerdem die Partnerschaft des Hochtaunuskreises mit dem israelischen Distrikt Gilboa. Den Vorsitz hat sie inzwischen abgegeben, die Erinnerungsarbeit aber nicht. Daniel Neumann, Direktor des Landesverbands der Jüdischen Gemeinden in Hessen, nannte sie einmal anerkennend einen „Stachel im Fleisch“: eine Frau, die Andenken bewahrt, Familienangehörigen Erinnerung ermöglicht und Forschenden Spuren bietet.

Vielfach ausgezeichnet

Ihr Engagement wurde bereits vielfach gewürdigt. 2011 erhielt sie den Ehrenbrief des Landes Hessen und 2014 gemeinsam mit Margret Nebo den Saalburgpreis des Hochtaunuskreises. Im Dezember 2015 überreichte ihr Bundespräsident Joachim Gauck im Schloss Bellevue das Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland. Später folgten für ihr Engagement im Rahmen des Projektes Jüdisches Leben in Frankfurt die Ehrenplakette der Stadt Frankfurt am Main und der Obermayer German Jewish History Award. Die Nominierung dafür kam von Nachfahren vertriebener Frankfurter Familien in New York. Nun ehrt auch ihre Heimatstadt Oberursel sie mit der Ehrenplakette der Brunnenstadt.

„Die Forschung ist noch lange nicht fertig“

„Diese Auszeichnung freut mich sehr, und sie berührt mich, weil sie aus der Stadt kommt, in der ich seit 1983 lebe“, sagt Angelika Rieber. „Eigentlich gilt sie aber nicht nur mir, sondern den vielen Menschen, mit denen ich über all die Jahre zusammenarbeiten durfte. Ich wünsche mir, dass diese sich ebenso geehrt fühlen. Vor allem gilt sie den Familien, die uns ihr Vertrauen geschenkt und ihre Geschichten erzählt haben. Das Denkmal steht, die Forschung aber ist noch lange nicht fertig. Für die zukünftige Erinnerungsarbeit liegen mir vor allem die Begegnung und der Austausch mit den Nachfahren der Opfer des Nationalsozialismus besonders am Herzen.“


Antje Runge

Bürgermeisterin


Fotos Bildnachweis: Stadt Oberursel

Foto 1: Es zeigt Angelika Rieber inmitten der Menschen, die bei der Verleihung der Plakette im Oberurseler Rathaus anwesend waren, darunter Bürgermeisterin Antje Runge, Erster Stadtrat Jens Uhlig, Magistratsmitglied Stadträtin Jutta Niesel-Heinrichs und der Leiter des Fachbereichs Kultur des Hochtaunuskreises Dr. Gregor Maier sowie zahlreiche Weggefährtinnen und Weggefährten Angelika Riebers während ihres jahrzentlangen Engagements im Dienste der Erinnerungskultur.

Foto 2: Es zeigt die Trägerin der Ehrenplakette Angelika Rieber mit Urkunde, neben ihr Bürgermeisterin Antje Runge bei der Übergabe der Plakette.